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Review: Börries Hornemann; Armin Steuernagel: Sozialrevolution!

Derzeit erliege ich der Buchkaufsucht. Kein Buchladen ist vor mir sicher. So fand ich bei einem Besuch durch Zufall „Sozialrevolution!“ als es gerade neu erschienen war. Ich habe den 209 Seiten starken Aufsatzband auf einem Tisch neben vielen anderen Büchern gefunden, die Rückseite gelesen und war gespannt, was ein Mann wie Yanis Varoufakis mit der Digitalisierung zu tun hat.

Spoileralert: Sollten Sie das Buch noch nicht gelesen haben und befürchten, Ihnen könnte der Anreiz nach der Lektüre meiner Review fehlen, sollten Sie hier aufhören zu lesen.

Vorweg genommen sei mein Fazit: Dieses Buch wird derzeit zu wenig diskutiert, obwohl es auf viele Fragen, die von Feuilleton, Wirtschaft und Wissenschaft zugleich gestellt werden, kluge, umfassende Antworten und Denkanreize liefert. Nach der Lektüre ist klar, dass nichts bleibt, wie es ist – und schon die nahe Zukunft von unserem Umgang mit Technik anhängt. Würde man das Buch in einem Satz zusammenfassen wollen, wäre es wohl dieser Satz:

Die Technik der Zukunft ist bereits heute da, während wir noch über die Möglichkeiten und Herauforderungen von Digitalisierung diskutieren.

Worum es eigentlich geht

Korrekterweise müsste man sich bei dem von Hornemann und Steuernagel vorgelegten Buch fragen, was die Autoren und ihr Sammelband nicht diskutieren. Tatsächlich spannen alle Beiträge inhaltlich einen Bogen von bereits gemachten Erfahrungen beispielsweise der Industriellen Revolution hin zur Gegenwart. Sie diskutieren die Frage der Gemeinschaft („Wer pflegt mich, wenn ich krank bin?“) und die der sozialen Absicherung. Dabei geht es um mehr als die Frage von Reformen. Die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens findet ebenso Raum wie auch alternative Modelle zur künftigen Form von Arbeit und deren Entlohnung. Schon der Verzicht auf das Wort leistungsgerecht verweist auf den Beitrag von Erik Brynjolfsson, der noch einmal die bereits heute vorhandene Entkoppelung von Leistung als Produktivität und Einkommen erläutert.

Doch es gibt künftig auch (neue) Möglichkeiten, um Geld zu verdienen. So entwirft Georg Hasler die Idee, dass es einen allgemeinen Datenmarkt gebe auf dem jeder durch den Verkauf seiner eigenen Daten Geld verdienen könne. Dirk Helbing fragt indes nach der Zukunft des Geldes als Tauschmittel und Yanis Varoufakis eröffnet seinen Beitrag mit der Feststellung, dass der Kapitalismus am Boden liege. Harter Tobak könnte man bei oberflächlicher Betrachtung meinen. Besonderen Anreiz erhält die Lektüre vor dem Hintergrund des Wahljahres 2017.

So zeigen schon die ersten Kapitel von Sozialrevolution! die Probleme der Industriegesellschaft in ihrer aktuellen Form auf und erklären den Wunsch vieler Individuen nach starken Herrschaftsformen. Die banale wie auch für den Leser erschreckende Antwort zugleich ist die fehlende Alternativlosigkeit anderer Herrschaftssysteme: War die Monarchie durch die industrielle Revolution obsolet geworden, so bietet die Demokratie derzeit ein bedingt gutes Angebot für die Menschen, die in ihr leben. Ein Grund dafür sei nach Armin Steuernagel die Überbürokratisierung, welche durch die Möglichkeiten von Big Data und Technologisierung der Gesellschaft in ihrer Perfektion ausgelebt werden kann.

Diese Absätze machen klar: Sozialrevolution! bespricht nicht nur die sich aufwerfenden neuen sozialen Fragen wie die Zukunft von Arbeit, Geld und Absicherung. Das Buch setzt viel tiefer an, indem es die Grundlagen der Gesellschaft beginnend von politischen Formen über soziale Sicherungssysteme und deren digitaler Zukunft bis hin zu Lösungen für die geschilderten Probleme abbildet. Leser vermögen sich an einigen Stellen nicht gegen den Gedanken verwehren, ob der mehrfach wiederholten eindringlichen Handlungsaufforderung an Kant und seinen Kategorischen Imperativ zu denken.

Warum man es lesen sollte

Die einfache Antwort lautet: Es ist derzeit alternativlos. Bestehende Werke zur Zukunft der Arbeit besprechen zwar die neue Mündigkeit des angestellten wie auch selbstständigen Arbeiters. Sie betonen die Möglichkeiten des selbstständigen Handelns. Gleichzeitig vergessen sie jedoch auch, die Folgen für den Arbeitsmarkt und dessen Auswirkungen für das Individuum zu besprechen: Was bedeutet der steigende Einsatz für Maschinen und die Ausrufung des kognitiven Zeitalters für einfache Arbeiter? Was passiert bei einer Massenarbeitslosigkeit und einem zu erwartenden Kollaps bestehender Sozialsysteme?

Sozialrevolution! erklärt viele Themen der Gegenwart einfach, verständlich und gleichzeitig in wenigen Sätzen erschöpfend. Phänomene wie der viel zitierte weltweite Rechtsruck, das Aufstreben von Autokraten und die Lösung der Migrationsfrage durch die Umkehr der Mobilität von Wissen und Arbeit sind dabei nur drei Themengebiete, denen fernab von politischen und wirtschaftlichen Interessen klare Konzepte zur Erklärung entgegen gestellt werden.

Die für mich wichtigsten 3 Gedanken

  1. Ein bedingungsloses Grundeinkommen löst nicht das Problem des Wegfalls von Arbeit. Arbeit ist ein sozialer Ort und demnach muss neben einem monetären auch ein sozialer Ersatz geschaffen werden.
  2. Nachdem Menschen die Technologie der Zukunft erfunden haben, geht es nun darum die Form des Zusammenlebens (neu) zu definieren. Tun wir das nicht, weist uns die Industrielle Revolution vor 150 Jahren den Weg.
  3. Zuletzt geht es darum, die Rolle des Inviduums zu definieren. Dabei stellt sich die Frage, wie individuell wir als Einzelperson wirklich sind und welchen gesellschaftlichen Raum wir zum Ausleben dessen erhalten.