Was mich aktuell beschäftigt

#flowzeigthaltung: Warum sich mein Studium aktuell auszahlt

In der aktuellen Ausgabe der Flow geht es um die Frage, wie man Haltung zeigen kann. Wenige Stunden zuvor fragten mich Teilnehmer eines Seminars, wie mein Studium der Geschichtswissenschaft eigentlich zu meiner heutigen Tätigkeit passt. Während ich den Leitartikel von Merle Wuttke lese, ziehe ich unbewusst historische Parallelen zwischen dem Heute und unterschiedlichen Stationen im Damals. Deshalb möchte ich diese Beobachtung zum Anlass nehmen, um meine Sicht auf die berechtigte Frage nach meinem Werdegang hier schildern:

Real Talk: Dieser Artikel ist mir wichtig.

Wer mich kennt, weiss Vieles von mir. Dinge, die mich wirklich bewegen, bleiben zumeist im allerengsten Kreis. Oft klingen sie auch dort erst an, wenn ich länger für mich darüber nachgedacht und eine Meinung dazu gebildet habe. So viel Offenheit wie in diesem Artikel ist für mich in der Öffentlichkeit eine Ausnahme.

Doch dieses Thema bewegt mich so, dass ich mich nach viele Anläufen, noch mehr Impulsen und langem Hadern dazu entschlossen habe, öffentlich Stellung zu nehmen. Aus dem Hashtag der aktuellen Ausgabe der Flow – #flowzeigthaltung – mache ich also #frauhederzeigthaltung.

Geschichte studieren und Zusammenhänge verstehen

Wer sich meine Vita anschaut, wird einen Bruch zweifelsohne erkennen: Ich habe Geschichte und Deutsche Literatur studiert. Ich bin sehr stolz darauf, dass ich meinen Traum und Wunsch realisiert habe, dies an der Humboldt-Universität zu Berlin tun zu dürfen. In meinem Studium bin ich meinen Interessen hinterher geeilt. So habe ich mich auf die offene Dramatik und eine Mischung aus Stresemann und Sowjetunion spezialisiert.

Viel wichtiger als die Frage, was ich im Speziellen studiert habe, ist jedoch etwas Anderes: Das Studium einer Geisteswissenschaft verlangt von seinen Studierenden etwas, das in anderen Disziplinen weniger ausgeprägt ist. Es handelt sich um das Denken. Hierbei meine ich weniger das Überdenken eines Zusammenhangs. Tatsächlich erfordert beispielsweise die rückwärtsgerichtete Deutung von Ereignissen wie in der Geschichtswissenschaft üblich ein Hineindenken, Verstehen und Erkennen von Mustern. Es geht also um Menschen und die Aneigung eines Verständnis für deren Handlungen aus ihrer unmittelbaren Situation heraus. Es gibt viele Methoden mithilfe derer dies ermöglicht werden kann. So nutze ich auch heute Denkansätze, die ich aus dem Studium zweier Geisteswissenschaften erworben habe.

Ein solcher ist beispielsweise die Hermeneutik. Diese Theorie nutzt Symbole zur Interpretation und zum Verständnis von Texten. Ungeachtet der Rezeption in der Moderne durch Wissenschaftler wie Jürgen Habermas oder Martin Heidegger weist schon die antike griechische Philosophie den Weg der Erkenntnis durch Aristoteles und Platon.

Warum schreibe ich diesen Artikel über mein Studium?

Das Verstehen von Zusammenhängen bedeutet hier Muster zu sehen, sie zu erkennen und dazu in der Lage zu sein, diese einzuordnen. Genau das ist es, was eine der drei Fähigkeiten bezeichnet, die wir künftig stärker benötigen: Maschinelles Lernen ist nicht weniger als das Denken und Kommunizieren in Mustern. Oft sind diese visuell. Bilder werden damit zum Erkenntnisprozess. Mehr dazu erzähle ich am 09. Mai 2017 in Karlsruhe auf der hallo digital!.

Gleichzeitig hilft mir dieses Denken auch dabei, wenn ich einen Artikel wie den angesprochenen in der aktuellen Flow lese. Der Drang danach, sich zu organisieren und wechselweise für und gegen Parteien zu demonstrieren, erinnert mich sowohl an die Diskussionen um klein- und grossdeutsche Lösung 1848/49 als auch an die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und die 20er Jahre. Vergleiche ich beispielsweise die Industrielle Revolution mit aktuellen Entwicklungen, finde ich im jüngst besprochenen Buch Sozialrevolution! Bestätigung und eine ausführliche Schilderung dessen. Prof. Dr. Andras Rödder widmet den aktuellen Umwälzungen mit seinem Buch „21.0 – Eine kurze Geschichte der Gegenwart“ gleich einen „Crashkurs der Gegenwart„.

Digitalisierung braucht mehr als IT und BWL

Diese Beispiele zeigen das, was in der Diskussion der Hermeneutik bereits mehrfach Thema war: Menschen sind geschichtsbezogen. Sie deuten und verstehen die Gegenwart auf Basis dessen, was sie in der Vergangenheit gelernt haben. Gerade jetzt ist es eben wichtig, dies auch zu tun:

Die aktuellen Herausforderungen werden wir nicht durch eine Fokussierung des Blicks auf mehr Effizienz und besseres Management eben geschaffener Ressourcen händeln können. Es braucht, wie Serdar Somuncu vergangenes Jahr in seiner Sendung auf radioeins erklärte, mehr Eindeutigkeit und mehr Vogelperspektive, um hieraus ein in sich geschlossenes und zugleich auf den Einzelfall zielgerichtetes Handeln abzuleiten.

Es braucht also keine Tools, um seine Zeit besser zu managen, wie in die Emotion Working Woman aus dem Winter 2016/17 zurecht schreibt. Es ist wichtiger, Zusammenhänge zu verstehen und aentschridungen auf den Ergebnissen zu fussen. Das kann man sicher auch ohne Studium der Geisteswissenschaft. Für mich zeigen diese Entwicklungen jedoch eins: Ein Studium der Geisteswissenschaften zahlt sich aus. Es lohnt sich am Meisten für einen jungen Menschen selbst, um die Welt zu verstehen, in der wir uns bewegen. Genau deshalb empfinde ich mein Studium nicht als Bruch. Ich verstehe es sogar entgegengesetzt: Meine im Studium erlernten Fähigkeiten sind ein wichtiger Aspekt meiner täglichen Arbeit.